Henriettes Inselbote

Juni 20, 2007

Winnie

Filed under: Inselalltag,So geschehen — henriette @ 3:04 pm

Ich kenne Winnie nicht. Herr Hund und ich trafen sie, bzw. sie traf uns letzten Mittwoch. Da waren Herr Hund und ich auf einer längeren Runde und – Herr Hund wäre nicht Herr Hund, würde er nicht immer dann einen poop machen, wenn ganz bestimmt kein einziger der in very, very large intervals aufgestellten bins mehr in Sicht ist. Wir mussten zwecks Entsorgung der entsprechend gefüllten bag eine Strecke zurückgehen und da stand – Winnie.
Eine mittelgrosse, hagere, klapperdürre Gestalt in einem knallroten Wollmantel. So um die 90 Jahre alt. Sie hatte strähniges, graues Haar und ihr Gebiss wirkte unnatürlich riesig in diesem eingefallenen Gesicht. Erst fiel sie uns gar nicht weiter auf, aber dann sagte sie plötzlich „Please, could you wait for me?“
Dabei stand sie wie angewurzelt mitten auf dem pavement und stützte sich auf einen Gehstock.

Auf meine Nachfrage sagte sie, sie habe Angst to fall over, weil sie nach einem Beinbruch noch immer nicht wieder völlig hergestellt sei. Eine Untertreibung, wie Herr Hund und ich bald feststellten, denn soon wackelten Winnie, Herr Hund und ich im Schneckentempo die Strasse entlang. In fact konnte Winnie nicht einen Schritt tun, lediglich ganz langsam vorwärts schlurfen, ohne die Füsse zu heben. Und sie bestand darauf, in the middle of the street zu schlurfen, weil the pavement too uneven sei.

Ich beschloss also, Herrn Hund links und Winnie rechts zu führen und so legten wir ca. 10 cm per minute zurück, Richtung Winnie’s home, which was supposed to be „just down there“ – dabei zeigte Winnie vage nach vorne rechts irgendwo. Es war feucht/schwül aber Winnie weigerte sich standhaft, ihren knallroten Wollmantel abzulegen „no dear, I think not“. Dafür murmelte sie ununterbrochen „Winnie, Winnie, don’t you EVER, EVER do that again! EVER!“ You just WON’T do that again, Winnie!“

Als wir an unserem Haus vorbeischlurften, kam Winnie auf die Idee, wir könnten vielleicht find someone to take over. Sie wollte quasi eine Art Staffellauf organisieren, mit sich als Stöckchen. So dass jeder sie nur ein Stückchen begleiten musste.
Erschreckend, wie Leute reagieren, wenn man mit einem Herrn Hund links und einer rotgewandeten, vor sich hin murmelnden Winnie rechts in the middle of the street läuft und anderen Menschen „excuse me….“ zuruft. Most of them reacted lediglich quite amused.

Ich schlug dann vor, ihr ein Taxi zu rufen, aber das wollte Winnie partout nicht, das würde mindestens £3 kosten, a total rip off, to be honest, sagte sie. Und klar war die Idee, auf dem Markt einen Tee einzunehmen, very, very stupid indeed, given the fact dass sie eigentlich überhaupt nicht laufen konnte. However, sie hatte es trotzdem genossen! Aber sie würde es auf gar keinen Fall wieder tun, „no way, Winnie, will you do such thing again..“.
Und so wackelten wir drei weiter die Strasse herunter, immer nach vorne, dann rechts herunter und um die Kirche, „just a few more blocks“. Dabei erzählte Winnie von ihrer social workerin, dieser „bitch“, die stupid sei, oh so stupid. Unbearably stupid. Und dass sie schon über 60 Jahre in dieser neighbourhood lebte, dort vorne sei mal eine Arztpraxis gewesen, daneben ein Bäcker. Quite lively sei es gewesen, noch vor gar nicht so langer Zeit. Jetzt seien diese Häuser ja alle residential buildings und viel zu teuer, ridicoulous was people heute für diese Häuser zahlten.

Plötzlich blieb Winnie stehen. Her eyes were dimming. Das passiere oft, sagte sie. Und im selben Moment kam ein junger Mann auf dem pavement vorbei. „Oh“, sagte Winnie zu sich selbst, „who is this? I wonder, if we say hello…“ Und schon winkte sie in Richtung des guys und flötete, nahezu flirtatiously, „Hellllloooooo“. Er zeigte keinerlei Reaktion, was sie nur kurz mit „so we obviously don’t say hello“ kommentierte, bevor sie mir bedeutete, dass wir nun weiterziehen konnten.
Nach 90 Minuten kamen wir an Winnie’s Haustür an. Sie bewohnte den 3. und 4. floor. Das sei aber kein Problem, beteuerte sie. Die Treppe könne sie gut heraufklettern, weil sie sich an der Wand abstützen könne. Aber sie fand die Haustürschlüssel nicht. Ein bisschen mulmig wurde mir schon, denn ich glaube, Winnie hätte es ohne zu Zögern fertiggebracht, zurück zum Markt zu schlurfen, um den Uhrenmann zu fragen, ob sie statt der Uhr etwa ihre Schlüssel dort zurückgelassen hatte.

Ich schlug vor, lieber noch einmal gründlich in ihren Taschen nachzuschauen. Winnie fand das very sensible und went through her M&S Tasche, in der sich 6 weitere Tüten fanden, die sie mir nach und nach zwecks näherer Untersuchung in die Hand drückte, die neben Herrn Hunds Leine schon ihren Gehstock hielt. Ein paar Bananen, ein paar Pflaumen, drei kleine Täschchen, die jeweils eine Brille und einen Kamm enthielten („Well, I certainly don’t need THEM all“..) bekam ich ebenfalls noch in die Arme gelegt, bevor sich indeed, ganz unten in der Tasche some Schlüssel fanden. „Let’s hope, these are the right ones“ bemerkte Winnie fröhlich, bevor sie sie einen nach dem anderen ausprobierte. One of them was the right one.

Ich habe Winnie unten im Flur verabschiedet. Es roch alt. Nach altem Mensch. Sie sagte noch „thank you dear, I think I’ll have a cup of tea now and sleep until tomorrow“ bevor sie sich anschickte, ihre Treppe hochzuklettern und ich hatte das Gefühl, Herr Hund und ich konnten sie nun unbesorgt allein lassen.
Als Herr Hund und ich Winnie’s Strasse zurückliefen, rief eine Frau von gegenüber „Is she alright?“, was irgendwie reassuring war. Herr Hund und ich waren 4 Minuten später zuhause. Gestern Abend liefen Herr S., Herr Hund und ich an Winnie’s Haus vorbei. Oben brannte Licht. Ich hoffe, es geht Winnie gut.

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2 Kommentare »

  1. Was für ein schöner Text. Die Zeit, die ich gebraucht habe, um das zu lesen war nicht vergeudete, sondern gewonnene Zeit. Sehr einfühlsam beschrieben! Gruß, bö

    Kommentar von — Juni 20, 2007 @ 6:14 pm | Antwort

  2. Ganz lieben Dank, bö. Wir gucken jetzt jeden Abend. Und immer mal wieder brennt Licht!

    Kommentar von henriette — Juni 25, 2007 @ 11:50 pm | Antwort


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