Henriettes Inselbote

Mai 8, 2006

Bananenrepublik

Filed under: Kleine Freuden des Alltags,So geschehen — henriette @ 5:12 pm

Ich war in der Deutschen Botschaft. Ich brauche einen neuen Reisepass. Den Antrag muss man zur Pass- und Visastelle der Deutschen Botschaft in Belgravia bringen. Die hat den Charme einer verranzten Bahnhofshalle der 70’er Jahre.
Von einem sehr netten Front-Desk Mann bekam ich die Nummer 153. Dann setzte ich mich in die wartende Menge. Bedient wurde gerade Nummer 141 als:

AUFTRITT: hyperaktiver deutscher Jung-Vater mit blasser, übernächtigter deutscher Jung-Mutter.
Übernächtigte Mutter sitzt in der Menge, auf den 70’er Jahre Stühlen mit dem recht neuen Sprössling in einer Trage. Hyperaktiver Vater läuft vor dem Schalter “Visa” auf und ab.
Übernächtigte Mutter plötzlich – quer durch die Halle: “wie viele sind’s denn noch?!”
Hyperaktiver Vater: “Wir sind 150, also neun”
Übernächtigte Mutter: “Das hält er nicht durch”
Hyperaktiver Vater: “Dann komm hier in die Ecke und … (deutet vielsagend auf seine Brust)”
Sie tut das, packt die Brust raus und beginnt, ihren offspring zu tränken.
Hyperaktiver Vater hat eine Idee. Er geht zum Schalter “Visa” und versucht, die dortige Botschaftsangestellte zu überreden, seine Passanträge zu bearbeiten.
Angestellte: “Das kann ich hier nicht machen, da müssen Sie schon warten, bis sie dran sind, an Schalter 3 oder 4…”
Hyperaktiver Vater: “Und dann geb’ ich das hier alles da ab, oder was?”
Angestellte: “Genau. Und dann gehen Sie zur Kasse und zahlen die Gebühr.”
Hyperaktiver Vater: “Wie?! Zur Kasse?! Sie meinen, ich muss mich dann an dieser ewigen Schlange dort anstellen?!?!”
Angestellte: “Wir haben leider nur eine Kasse hier – im Moment. Aber länger als zehn Minuten dauert es nicht, dann sind Sie schon vorne.”
Hyperaktiver Vater (sehr laut):”Wollen Sie mich verarschen?! Ich hab’ genau gesehen, wie lange man da ansteht, mindestens zwanzig Minuten!! Mindestens!! Wissen Sie was, ich zahle Steuern, damit der Laden hier funktioniert!! Als Deutscher habe ich ja wohl ein Recht darauf, gut behandelt zu werden!!

MEANWHILE auf der Tafel: wir sind bei Nummer 147

Angestellte: “Sie können gerne eine Beschwerde an die Botschaft…..”
Hyperaktiver Vater (unterbricht barsch): “Worauf Sie sich verlassen können!! Ich stopp’ die Zeit, die ich da stehe und dann schreib’ ich eine Beschwerde, die sich gewaschen hat, sag’ ich Ihnen.”
Angestellte couldn’t care less, das sieht man bis zu mir.

ALS PLÖTZLICH: hyperaktiver Vater sieht irgendein Pärchen, dass sich an den Schalter 4 begibt, wir sind bei Nummer 148.
Hyperaktiver Vater (laut und zu sich selbst – nein, stopp, falsch. Im Grunde spricht er zur Menge): “Das gibt’s doch nicht! Die waren aber nicht vor uns! Was wollen die denn jetzt da?!?! (dreht sich zur stillenden übernächtigten Mutter um, weil die Menge nicht reagiert) Oder?! Die waren nicht vor uns!!!“
Das Paar wird bedient, hat also offenbar die richtige Nummer. Hyperaktiver Vater gesellt sich flugs dazu, um zu pöbeln. Ich kann nicht verstehen, was er sagt. Eine Diskussion entbrennt dort vor Ort.

MEANWHILE auf der Tafel: Nummer 150 wird angezeigt – an einem neuen, dritten Schalter. Der pöbelnde hyperaktive Vater bemerkt dies nicht und echauffiert sich weiterhin. In einer Art stillschweigender Übereinkunft macht ihn keiner der ca. 100 anderen Leute in der Halle darauf aufmerksam, dass er nun an der Reihe ist. Übernächtigte stillende Mutter bekommt das sowieso nicht mit.

AUFTRITT Möppel. Ein pummeliges Riesenbaby im Englischen Business Outfit à la ‘Have a look everybody, I am (eventually going to be but already trying to look and behave like) a City Banker’. mit hochwichtigen Stöpseln im Ohr (obgleich Handys in der Halle ausgeschaltet sein müssen) und einem Deutschen Pass in der Hand stürzt auf den neuen Schalter zu, der noch immer die Nummer 150 anzeigt.
Möppel (versucht, seiner Stimme einen autoritären Touch zu verleihen, was gründlich misslingt, nicht zuletzt, weil er einen überaus deutschen Akzent hat): “I only have five Minutes! It is my lunchbreak.”
Angestellte: “Well, what is your number?”
Möppel: “163”
Angestellte: “I am afraid you have to wait until your number is displayed”

AUFTRITT hyperaktiver Vater, der mittlerweile gemerkt hat, dass er an der Reihe ist. Er sieht Möppel an “seinem” Schalter stehen und hetzt dorthin. Voller Empörung drängt er Möppel beiseite.

Hyperaktiver Vater: “Jetzt reicht’s mir aber! Was ist das hier?! Eine Bananenrepublik, oder was?!?! Das hier ist meine Nummer! Ich bin jetzt dran!! Was macht jetzt dieser Kerl hier?! (zur Angestellten) Entscheiden Sie jetzt individuell, wen Sie bedienen wollen, oder was?!?!?

ALS PLÖTZLICH: Zwischenruf eines Wartenden an hyperaktiven Vater: “Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich ein bisschen zu beherrschen? Jetzt kommen Sie doch mal runter!”

In der Halle: verhaltenes Kichern hier und da.

Angestellte wendet sich hyperaktivem Vater zu. Finally!!! Fast kann man in der Halle ein allgemeines Aufatmen vernehmen.

Möppel wendet sich empört an mich: “He has missed his number! He should have kept an eye on the display! I only took my chance.”
Ich: “Well, we are all waiting, aren’t we?”
Möppel: “But I only have five minutes. If I’m not back in five minutes, I’ll lose my job! I’ll get fired.”
Ich: “What a strange job….”
Mein Nachbar grinst.

Möppel rennt nun an den Visa-Schalter, an dem hyperaktiver Vater bereits abgewiesen wurde.
Möppel: “I’m in a hurry! I’ve got (wirft einen dramatischen Blick auf seine Armbanduhr) three minutes left!!!
Angestellte: “Sorry, you’ll have to wait”

Möppel kann sein Unglück nicht fassen. Steht herum, wippt auf und ab, macht einen auf oberwichtig.

ALS PLÖTZLICH: Mein Nachbar auf seine Uhr blickt. Er spricht Möppel an: “Relax, mate, it’s ten past. Job’s gone anyway by now….”

Halle: tobt vor Freude……

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2 Kommentare »

  1. was für eine schöne geschichte 😉

    Kommentar von e-heldin — Mai 9, 2006 @ 10:56 am | Antwort

  2. British at its best.

    Die trockene Art der Kommentierung vermisse ich, hatte ich doch ein wunderbares, lustiges Jahr 2000 in London. Ein Jahr, dessen höchstes Lob lautete: „Hey, you’re funny, although you’re German.“ Man muss lediglich sich selbst auf die Schippe nehmen können.

    Kommentar von pathologe — Mai 12, 2006 @ 12:08 pm | Antwort


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