Henriettes Inselbote

Mai 8, 2006

Dieter

Filed under: Frag' ich mich,So geschehen — henriette @ 2:01 pm




Manchmal denke ich an Dieter. Ich kenne ihn nicht, weiss nicht, wo er wohnt, wie alt er ist – nichts. Aber ich frage mich, wie es ihm wohl heute geht, ob alles wieder in Ordnung ist. Alles, was ich über Dieter weiss, ist, dass jemand – vermutlich seine Ehefrau – Anfang 2004 an einem bestimmten Abend die Nase voll von ihm hatte.
Anfang 2004 sassen Herr S. und ich in Berlin in einem unserer liebsten Restaurants und genossen unsere Pasta, als ich mal kurz to the ladies musste. Nun gehöre ich zu den Leuten, die – auch in ihrem Lieblingsrestaurant – den hygienischen Zustand der WC’s stets genau inspizieren, bevor sie irgendwo unbedacht Platz nehmen. So auch damals. Und da sah ich unten im Becken etwas Glitzerndes liegen. Einen Ring. Einen Ehering.
Schnell, vor allem, damit sich keine andere Frau in der Zwischenzeit ohne Hinzusehen auf dem Symbol der ehelichen Zusammengehörigkeit erleichtern konnte, benachrichtigte ich diskret Jonny, den Sohn des Restaurantbesitzers.
Ratlos standen wir Sekunden später vor der weissen Schüssel, unten im Wasser lag der Ring und aus verständlichen Gründen wollte keiner den Griff ins Klo vornehmen. Der Koch hatte schliesslich die Idee, den Stiel eines sehr langen Kochlöffels einzusetzen (ich gehe davon aus, dass der Löffel danach ausser Dienst gestellt wurde, mag es aber nicht beschwören) und kurz darauf hielten wir das schmale goldene Band in der Hand. Die Inschrift lautete: Dieter, 31.12.2002. Nur ein knappes Jahr Eheglück und schon schmeisst sie ihren Ring ins Klo!
Jonny gab zu bedenken, es könne ja auch sehr gut sein, dass Dieters Ehefrau kürzlich aus Versehen ihren Ring verschluckt hatte und nun war der eben auf natürlichem Wege wieder ans Tageslicht gekommen. Und vielleicht hatte sie das nicht bemerkt, oder es war ihr unangenehm, ins Klo zu greifen. Diese Möglichkeit erschien uns nach kurzer Diskussion unwahrscheinlich. Dann hätte der Ring nicht so völlig allein und glänzend auf dem Grund des Beckens gelegen. Also doch eine handfeste Ehekrise.
Ich fragte Jonny, ob er gesehen hat, wer vor mir auf dem WC war, oder, ob er etwas von einem Streit unter zwei Gästen mitbekommen hat. Negativ.
Wir überlegten, was nun zu tun sei. Man kann wohl schlecht im ganzen Lokal herumfragen „Heisst hier zufällig jemand Dieter? Ja? Sie? Na, da haben sie aber Glück, gerade wurde ihr Ehering in der Schüssel des Damenklos aufgefunden.“ Jonny entschloss sich dennoch, an jedem Tisch zumindest sehr diskret nachzufragen, ob jemand eventuell einen Ehering vermisst. Das war unverfänglich genug und schloss sogar die Möglichkeit des versehentlich verschluckten und nun unbemerkt wiederaufgetauchten Kleinods nicht aus. Alles andere mussten wir Dieter und/oder seiner Ehefrau überlassen.
Jetzt gibt es vier Möglichkeiten: entweder Dieters Frau wollte sich keine Blösse geben, oder Dieter wollte es nicht, oder er und seine Frau wollten das nicht, oder aber Beide waren schon gegangen. Es meldete sich niemand.
Das Restaurant ist mittlerweile umgezogen, aber Jonny hat den Ring bis heute in der Schublade unter der Bar liegen. Was Dieter wohl macht?

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