Henriettes Inselbote

Mai 5, 2006

Besitzen wollen

Filed under: So geschehen — henriette @ 8:37 pm

Ich habe mich kürzlich bei dem Wunsch ertappt, das Haus, in dem wir jetzt wohnen besitzen zu wollen. Ich möchte, dass es unser Haus wird. Unbedingt. Dabei dachte ich in den letzten Jahren ganz oft, am besten, ich besitze nie wieder etwas. Was man nicht besitzt, kann man nicht verlieren.
Es fing ganz harmlos an und steigerte sich stetig: Als ich aus Hamburg nach Berlin gezogen bin, passte der letzte Karton der letzten Fuhre nicht mehr in mein Auto. Da war unten Geschirr drin und oben drauf lagen Fotos. Eine ehemalige Kollegin bot an, den Karton in ihren Keller zu stellen. Und dann ist sie urplötzlich weggezogen – mit dem Karton – und ich weiss bis heute nicht, wohin. Jetzt hat sie meine Jugendfotos.
Beim Umzug ging nichts kaputt – ausser der Sammlung alter Gläser, die ich über Jahre auf Flohmärkten und in Antikshops zusammengesucht hatte. Irgendjemand hatte auf die Kiste, in die ich sie vorsichtig eingepackt hatte, meinen alten, schweren Fernseher gestellt.
Kurz darauf erfolgte der erste Einbruch ins Büro. Und weg war der Laptop, den mir Herr S. zum Geburtstag geschenkt hatte. Irgendein Fremder wühlte sich eventuell durch meine Gedanken. Eklig!
Dann wurde bei uns zu Hause eingebrochen und mein neuer Computer, meine Kamera, unser DVD-Player etc. gestohlen. Der Verlust war zu verschmerzen. Das Gefühl, dass nun ein Unbekannter meinen Computer durchforsten könnte noch immer unangenehm, aber nicht mehr neu. Dass Fremde in unsere Wohnung eingedrungen und alles durchwühlt und durcheinandergebracht hatten, selbst die Dose mit meinen Pinguinjonglierbällen, war allerdings schwer zu ertragen. Die Polizei tröstete. Ein Einbruch pro Leben sei die Regel. Nun gut, das hatten wir hinter uns.
Ein halbes Jahr später war mein Auto verschwunden. Ich hatte es schräg gegenüber von unserem Haus geparkt und drei Tage später war es weg. Das Auto habe ich geliebt. Es war mein erstes Auto, wo Fabrikat, Farbe und Ausstattung mir 100%ig gefielen. Nicht so ein schlüpferfarbener Kleinwagen, den man kauft, weil er genau die € 1.500 kostet, die man ausgeben kann. Sondern ein Auto, über das man sich jedesmal freut, wenn man einsteigt. Ich finde, ein eigenes Auto macht unabhängig. Man kann die Musik hören, die man will, so laut und so oft man will (ja, auch Abba), überholen, wie und wann man will, und hupen, wenn es einem gefällt. Man kann auch einfach so man ein paar Sachen packen und wegfahren. Einmal habe ich das gemacht. Nach einem Streit mit Herrn S. habe ich mich reingesetzt und bin Richtung Potsdam gefahren. Blöd war nur, dass ich keinen Plan hatte, was ich dort überhaupt sollte, im November, im Regen. Gerade, als ich mir schwor, dass dramatische Abgänge meinerseits zukünftig stets gut durchdacht sein würden, rief zum Glück Herr S. an und fand, es sei Zeit, sich zu vertragen. Er hatte übrigens gar nicht gemerkt, dass ich ihn für ungefähr 60 Minuten verlassen hatte. Er dachte, ich wäre beim Einkaufen.
Mein Auto wurde drei Monate später in einem Waldstück nahe der polnischen Grenze wiedergefunden – ausgeschlachtet. Die Auszeichnungen, die wir für unsere Arbeiten bekommen hatten und die ich in einem Rimowa-Koffer im Kofferraum verstaut hatte, damit sie bei unserem Firmenumzug keinen Schaden nehmen konnten, waren ebenso unauffindbar wie ein Treibholz, das ich mal aus der Elbe gefischt und dann als Glücksbringer in jedem meiner Autos dabei hatte. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, selber hinzufahren, um die Nummernschilder abzumontieren, ohne die ich mein gestohlenes Auto über drei Monate nicht hatte abmelden können. Herr S. hat das für mich erledigt. Seither habe ich kein eigenes Auto mehr. Und ein bisschen Unabhängigkeit verloren.
Ende desselben Jahres stellte sich heraus, dass unser Firmenpartner sein Budget um eine Viertel Million Euro überzogen hatte. Dann war er abgehauen. Damit war die Firma platt. Und unsere Zukunft erst einmal auch – jedenfalls für die nächsten 4 Jahre.
5 Monate später wurde bei uns zu Hause nochmal eingebrochen. Wieder hatten Unbekannte alles durchwühlt, Schränke, Kommoden, meinen Sekretär – alles. Diesmal fanden sie den Schmuck, den ich in einem Schuhkarton unter Stapeln anderer Schuhkartons aufbewahrt hatte. Die leeren Boxen wurden ein paar Strassenecken weiter gefunden. Und die Einbrecher nahmen mir endgültig das Gefühl von Sicherheit und Unversehrtheit in den eigenen vier Wänden.
Nachdem sich mein Besitz also in nur zwei Jahren um ein beträchtliches Mass verringert hatte, beschloss ich, nichts mehr besitzen zu wollen. Ich entwickelte eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber Dingen. Ob ich was verlor, mir was kaputtging, mir was geklaut wurde – es liess mich kalt. Was weg ist, ist weg.
Bis vor Kurzem, wie gesagt. Seit wir auf der Insel wohnen, regeneriert sich mein Besitzgefühl anscheinend wieder. Ich freue mich wieder an Dingen und möchte sie gerne behalten. Ich passe wieder auf Dinge auf. Und das Haus zu besitzen, das wäre wirklich wunderbar!

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