Henriettes Inselbote

Mai 3, 2006

Vorteil oder Nachteil?

Filed under: Frag' ich mich — henriette @ 4:57 pm

Wenn ich mir auf alten Fotos Frauen in meinem Alter von vor 50, 60 Jahren ansehe, dann sind das ältere Damen, die mir da entgegenblicken. Mit einer Liz Hurley z. B. in keiner Weise vergleichbar. Klar ist Liz Hurley professionell gestylt, wenn sie öffentlich auftritt, seit mindestens 20 Jahren konstant auf Diät, macht 5 mal die Woche Workout mit einem Personal Trainer und kann sich sämtliche Designerklamotten der Welt leisten. Dennoch muss man sich als Frau um die Vierzig, die sich das alles nicht erlauben kann, heute keineswegs alt fühlen. Gesunde Ernährung, Gesundheitsversorgung, soziale Sicherheit, Zeit für sich selbst etc. sind Faktoren, die uns jünger belassen haben, als unsere Grossmütter.
Das ist ein Vorteil. Wir werden länger als unsere Grossmütter als schöne, begehrenswerte Frauen angesehen, können uns sexy kleiden, flirten, tanzen, oben ohne schwimmen, ohne peinlich und deplaziert zu wirken.
Gleichwohl bringt dieser Zustand des länger anhaltenden jugendlichen Aussehens auch Nachteile mit sich. Nächstes Wochenende z. B. werde ich mich wieder dem direkten Vergleich mit einer Horde um die 25-jähriger Chicks aussetzen müssen. Und natürlich haben die noch ein strafferes Gesicht als ich, völlig fettfreie Hüften und Oberschenkel, sowie kaum Ränder unter den Augen, obwohl sie bis in die Puppen gefeiert haben. Hatte ich in deren Alter auch.
Nur, wenn ich dann neben ihnen stehe, sagt sich keiner, dass ich immerhin gut 15 Jahre älter bin und ein Recht auf das eine oder andere Fältchen und Pölsterchen habe. Und auch darauf, nicht mehr ganz so bauchfrei herumzulaufen, weil es um die Mitte herum nun mal nicht mehr so straff ist, wie vor 15 Jahren. Nein, das sagt sich keiner, weil man mir mein Alter eben nicht ansieht.
Und schon werde ich mich dabei ertappen, wie ich zumindest versuche, mich optisch dem vorherrschenden Altersdurchschnitt anzupassen. Und mich irgendwie schlecht fühle, weil nicht gelingt, was nicht gelingen kann. Noch dazu geht es hier um eine Meute, von deren Kleider- und sonstigem Dekobudget ich nur träumen kann. Wehmütig werde ich also an die Zeiten denken, in denen ich den Bauch nie einziehen musste, um auch nach einem opulenten Dinner noch eine wohlgeformte schlanke Taille mit dazugehörigem Flachbauch im sehr taillierten Kleid zur Schau stellen zu können. Als ein Outfit für DM 40 an mir aussah, als käme es direkt vom Designer und hätte das Zehnfache gekostet.
Und wieder werde ich mich (kurzfristig) ärgern, dass ich es nicht schaffe, nur von Salat und Wasser zu leben. Dann werde ich mich fragen, wieso ich das überhaupt tun sollte? Muss ich das? Aussehen, wie ein schlechtgelaunter, abgenagter Hühnerknochen (Originalton Henriettes Tochter…) ? So sehe ich nämlich aus, wenn ich eine Weile kaum was esse. Sicher nicht, werde ich mir sagen und irgendwie erleichtert nach einem Glas kalorienreichem Prosecco greifen, das mir Herr S. sehr lieb geholt haben wird.
Ich dachte eine Zeitlang, dass es klug sei, sich nur noch neben 15 Jahre ältere Frauen zu stellen. Das ist jedoch ein Irrtum, schon deshalb, weil man manchmal gar nicht sieht, dass sie 15 Jahre älter sind. Besonders nicht die mit Haushälterin und Personal Trainer und den 12 Wochen Urlaub im Jahr. Neben denen kann man ganz schön abfallen, vor allem, wenn man müde und blass ist.
Immer für einen schnellen Selbstbewusstseinspush geeignet ist der direkte Vergleich mit den Verschlimmbesserten. Die nach einigen Korrekturen alle ungefähr so aussehen, wie Frau Loth oder Frau Gsell. Oft sind sie Anfang/Mitte Dreissig. Hier kann ohne grosse Mühe auch das wenig geschulte Auge erkennen, was echt und was unecht ist. Und wenn dann mein ganz echter Busen dem Dekollete mit den zwei knallrunden Implantaten in nichts nachsteht, meine Hochsteckfrisur eindeutig nicht angelötet oder übergestülpt ist und trotzdem klasse aussieht, dann fühlt sich das gut an.
Eine Lösung für das Dilemma der jungaussehenden Frau von heute gibt es also nicht. Aber wenn ich mich frage, ob das ein Vor- oder ein Nachteil ist, dann bin ich eindeutig der Meinung, es ist ein Vorteil. Denn im anderen Falle hätte mir wohl der – 100%-ig unter 30-jährige Typ vorhin im Park nicht so ein bezauberndes Lächeln geschenkt. Wobei seine weibliche Begleitung eindeutig ebenfalls unter 30 war – und ganz und gar nicht hässlich. Und dann, als ich nach Hause kam, begrüsste mich Herr S. mit „Hallo, schöne Frau“ und meinte das gar nicht ironisch. Jetzt finde ich den Gedanken an das Wochenende schon gar nicht mehr so schlimm!

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